You’re my heart, you’re my soul

Lesedauer: etwa 4 Minuten

9 Monate ist es her, dass ich das gelobte Land verließ. Umso gespannter war ich, ob und was sich seitdem verändert hat, schließlich gab es mittlerweile den Eurovision Song Contest, der auch schon vor meiner Abreise im Stadtbild Einfluß nahm.

Augenscheinlichste Veränderung ist, dass sich nichts geändert hat. Wieso auch, was soll sich in einem dreiviertel Jahr auch tun – erst recht im „Komm ich heut nicht, komm ich morgen“-Tel Aviv. So sieht der Rohbau neben meinem Haus noch genauso aus, wie ich ihn verließ. Die gefürchtete Baugrube, die irgendwann den Meerblick meiner Terrasse versperrt, ist immer noch genauso tief. Selbst die „Business Punk“, die ich im März hinterließ, liegt noch im gleichen Zeitschriftenstapel zwischen der damals schon vorhandenen „11 Freunde“ und diversen israelischen Klatschblättern. Und auch meine innere Uhr änderte sich nicht – denn wie beim ersten Mal war ich pünktlich um 6 Uhr wach…

Blick von der Terrasse

Also mache ich mir einen Kaffee mit der mir angelernten Brühtechnik. Dazu drei Spiegeleier, die im Angesicht der vorbeiziehenden Sonne verzehrt werden und ich starte völlig gemächlich in den Tag, schließlich ist Sabbat und man möchte es nicht gleich übertreiben mit dem Programm. Das Strandtuch über die Liege der Terrasse gelegt, schnappe ich mir ein Buch und beginne zu lesen. Über das Leben einer Auswanderin, die der Liebe wegen von Berlin nach Tel Aviv zog. Über ihre Erlebnisse mit der israelischen Kultur, den Fallstricken, wie sie die Menschen wahrnimmt und welche Eigenarten die fremde Kultur mitbringt. An vielen Stellen schmunzle ich und nicke.

Frühstück

Kling Klang, die Straßen entlang.

Gegen Nachmittag verließ ich dann das Heim, um mich auch von der Nichtänderung der Stadt außerhalb meines kleinen Kosmos’ rund um die Nechemiah Street zu überzeugen. An der Westküste dann die Promenade runter, wo schon das Touristenvolk wartet. Die bekannten Klanggemische aus dem Klack-Klack der Maskots, Straßenmusikern, dem Schlurfen der Sandalen auf dem sandigen Asphalt, Strandgeschrei und dem dumpfen Schmettern des Beachvolleyballs, der im Netz hängen bleibt.

Es ist jedoch enger geworden und es scheint, dass die Stadt mehr Menschen beherbergt als im Februar. Ja, es ist noch Saison. Die Strände sind reich bevölkert, manche Verrückte gehen noch todesmutig baden und auch sonst höre ich viel ausländisches Gewirr auf den Straßen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie das in der Hauptsaison ist.

Tel Aviv am Strand

Deutlich unterscheidbar ist der Tourist vom Einheimischen übrigens in der Wahl seiner Kleidung, speziell untenrum. Sah ich relativ viele Männer mit kurzen Hosen, trugen diese meist auch eine Kamera um den Hals oder wiesen sich sonstwie als vermeintlicher Besucher aus, während der typische Einwohner seine Beine mit langem Stoff bedeckte. Somit gehe ich wahrscheinlich als Einheimischer durch, der lediglich ein bißchen blass ist, aber standesgemäß langes Beinkleid trägt.

Unterschiedliches Beinkleid

Vom ESC-Wahnsinn zeugen noch die Strandwärterhäuschen, deren Fassade auf den Eurovision Song Contest hinweist und die umliegenden Dächer der Strandhäuschen in den Eurovision-Farben den diesjährigen Slogan „Dare to dream“ zeichnen.

ESC-Überbleibsel

Und sonst so? Ich habe lautstarke Russen auf der Nachbarterrasse, aber sonst ist alles beim Alten. Der Sonnenuntergang ist schön wie eh und je, die Hubschrauber kreisen, der Strand leert sich nach Einbruch der Dunkelheit genauso schnell. Und die Bars spielen immer noch lautstark „You’re my heart, you’re my soul“. Manche Dinge ändern sich nicht. Und sollen sich auch gar nicht.

Morgen geht’s auf den Carmel Market, um alte Bekannte wiederzusehen. Mal sehen, was sich da geändert hat…

Nachbarn
Sonnenuntergang über dem Mittelmeer
Sonnenuntergang über dem Mittelmeer
Abendstimmung in Tel Aviv

4 Comments

  1. Olaf Kolletzky 9. November 2019

    Es scheint irgendwie ein Zuhause zu sein, ein Zuhause des Wohlfühlens

  2. hippe 9. November 2019

    Hach, was soll man bei diesen philosophischen Zeilen wieder schreiben??
    Einfach wieder nur schön, irgendwie dabei sein zu dürfen..
    Und man fühlt sich auch irgendwie mitgenommen von Dir.
    Dann drücken wir mal beide Daumen, dass Du morgen dei Deinem RUndgang die ganzen alten Bekannten triffst.

    lg die hippe

  3. […] eine viel wichtigere Information war, dass die gestern erwähnte Baugrube nicht aus Geldmangel, Faulheit oder Streik nicht weiter gefüllt wird, sondern das Areal […]

  4. […] er es bzw. seine Gäste bald haben: Direkter Meerblick ohne das derzeit von Russen bevölkerte (ich erwähnte das bereits) Haus im Blickfeld zu haben. Dazu zieren Sonnensegel die Terrasse und auch ich werde in den Genuss […]

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