Seit Jahren steht Tiflis auf der Liste meiner Sehnsuchtsorte. Immer wieder sehe ich Bilder der Stadt, lese Reiseberichte (die Forbes beschrieb es u.a. als die „aufregendste Stadt des Jahres“, vergleichbar mit dem Berlin der 90er Jahren), seufze innerlich, besuche anschließend Flugportale und breche regelmäßig den Kaufvorgang aus unerfindlichen Gründen ab. Doch nun war es endlich soweit: Ich musste raus aus Berlin, brauchte Ablenkung, wollte mir etwas Gutes tun und in einer Übersprungshandlung buchte ich mir endlich ein Ticket. Endlich.
Sicherheitshinweis: Ich hoffe, Sie haben gut gefrühstückt oder sich Brote geschmiert. Denn es dauert etwas länger und startet ohne Vorgeplänkel.
Ich steige an einem lauschigen Oktobertag gemeinsam mit 189 anderen Reisewilligen in ein Flugzeug, das mich in drei Stunden nach Madrid bringt – eine Stadt, die viel verheißt, viel verspricht, viel Unbekanntes in sich birgt. Zumindest für mich. Ähnlich verheißungsvoll war die Zeit dreier Damen, die hinter mir saßen und offenbar einen fantastischen Abend in Berlin hatten. Sie sorgten mit ihren Ausdünstungen der Nacht jedenfalls für eine interessante olfaktorische Reiseerfahrung. Unter einer süßlich alkoholschwangeren Wolke torkelte also das Flugzeug auf die spanische Hauptstadt zu: Bienvenido a Madrid.
Es begann im November vergangenen Jahres mit einem „Lisbom Dia“. Ich kam an einen Sehnsuchtsort, der mich zurück in seinen Bann zog und nicht mehr los ließ. So sehr, dass ich ihn seither vier weitere Male besuchte. Es heißt nun, Abschied zu nehmen. Und vor allem dankbar zu sein. Dankbar, dass ich 11 Wochen dein Gast sein durfte und dich erleben, beleben und leben durfte.
Es ist dienstags 0:44 Uhr, die Stadt menschenleer. Lediglich ein einzelner Mensch ist unterwegs, der sich müde die letzte Pecantasche aus der Auslage des Spätis holt und in die letzte S-Bahn des Tages steigt. Ziel BER Terminal 1–2. Keine Nachtschwärmer, kein Partyvolk, welches torkelnd den Gehweg einnimmt. Dieser Mensch fährt allein durch die Nacht, einzig die Stationsdurchsagen in der S-Bahn durchbrechen die angenehme Stille. Meine Stille.
Wir haben es nicht leicht. Seit mehr als einem Jahr dürstet die Gesellschaft danach, endlich wieder Urlaub in El Arenal, Lloret de Mar oder Phuket zu machen, um am Strohhalm des lustvollen Urlaubssafts zu nuckeln. Geht nicht. Is nich. Reiseblogger und Influencer haben sich derweil die letzte Enklave des möglichen Fernwehs gesucht, in der noch Like-Milch und Story-Honig fließt: Dubai. Di. Ba. Du.
Doch wie vertreibt sich der Nicht-Influencer von Welt die Zeit, wenn er sich nicht Stäbchen in das rechte Nasenloch schieben lassen möchte oder (noch) keine der 3 Gs erfüllt?
…als in der eigenen.
Ich saß heute in „meinem“ Park in Berlin, hatte die Klassik-Playlist im Ohr, roch den Herbst und sinnierte. Zwei Bänke weiter saßen drei Herren, hörten lautstark Led Zeppelin und Motörhead, so dass es meine Jazz Suite No. 2 übertönte, sie übten sich in der Jonglage von Keulen und eigentlich war es eine perfekte Situation, eine Geschichte zu schreiben. Dennoch kam in mir eine gewisse Gleichgültigkeit auf. Und ich dachte weiter. Warum das so ist.