Die Straßen von Jaffa

Lesedauer: etwa 5 Minuten

Gestern Abend machte ich etwas ganz Verrücktes. Im Schutze der Dunkelheit zog ich heimlich die Socken aus (bzw. gar nicht erst an) und ging mit Schlappen an den Strand, um schließlich barfuß durch das Meer zu stapfen! Hoffentlich hat mich niemand gesehen und petzt. Interessanterweise ist das Mittelmeer bedeutend wärmer gewesen als der Strand, welcher schon eine gewisse Kühle einnahm. Ich ließ mir das heute von Todd erklären, der mich morgens auf einen Kaffee einlud.

Es ist nämlich so, dass – im Gegensatz zu den üblichen Sommertagen – der Wind aus östlicher Richtung weht, also vom Landesinneren kommt. Dieser bringt warme trockene Luft mit sich, die bedeutend angenehmer für den Körper ist, als die feuchtheiße vom Meer, also von Westen. Netter Nebeneffekt: Auch wenn die Tage ziemlich heiß sind – hier ist es heute über 30 Grad gewesen – kühlt es sich abends ziemlich schnell ab. Und zwar so weit, dass Todd gestern Nacht das erste Mal „fucking freezing“ war. Ja, bei 16 Grad kann einem schon mal fröstelig werden. Auch dem Strand.

Todd, mein Host

Bei einem weiteren Kaffee und einem Beinahebiss von seinem Hund Bruno, der mittlerweile blind ist, sprachen wir über jüdische Ethnien und ich weiß jetzt, dass die spanischen Juden (Sephardim) sich nicht mit den osteuropäischen (Aschkenasim) verstehen, die Mizrachim aus dem arabischen Raum kommen und sich alle zusammen untereinander lustig machen wegen derer unterschiedlichen Dialekte. Es fielen jiddische Sätze und ich musste den phonetischen Unterschied zwischen „Was ist das?“, „Wastestas?“ und „Wastudas?“ anhand derer Herkunft erkennen. Wer genaueres wissen will, wie man unterschiedlich „Geh ins Meer pissen“ oder „Alter Kacker“ ins Jiddische übersetzt, kann mich gerne ansprechen.

Zudem gibt es seit gestern Bohrmaschinengeräusche und ich lokalisierte diese auf meiner Etage, genauer gesagt gleich nebenan. Meine Neugierde wurde geweckt und Todd erklärte mir, dass er aus seinem Apartment, welches eine Etage darunter ist, eine Maisonettewohnung macht, die er auch vermieten kann. Der gute Mann ist im Begriff, sich ein Immobilienimperium aufzubauen mit Basis dieses Hauses. Der Trump Tower Tel Avivs.

Tel Aviv Panorama

Natürlich kam ich nicht umhin – gestärkt mit einer Portion selbst gemachtem Beef Jerky im Mund – mir den Ausbau anzuschauen. Schön wird er es bzw. seine Gäste bald haben: Direkter Meerblick ohne das derzeit von Russen bevölkerte (ich erwähnte das bereits) Haus im Blickfeld zu haben. Dazu zieren Sonnensegel die Terrasse und auch ich werde in den Genuss kommen. Wenn ich noch fünf Wochen hier bliebe. Denn auf meiner Terrasse wurden ebensolche Balken angebracht, die irgendwann sonnenbesegelisiert werden.

Todd wäre kein guter Bauleiter, wenn nicht permanent sein Telefon klingeln würde und die Bauarbeiter irgendwelche Fragen an ihn hätten. So standen wir irgendwann vor dem Hauseingang, wiesen Menschen mit ihren Bauwagen ein, die Zementsäcke anlieferten und unterhielten uns (respektive er) mit zwei Männern von der Finanzbehörde, die gerade Teil der Steuern eintreiben wollten. „Arnona“ nennt man das, eine im Zwei-Monats-Rhythmus zu entrichtende kommunale Steuer für Mieter und Wohneigentümer.

It’s getting hot in here

Die Uhr schlug mittlerweile 13:30 und ich wollte den Tag nutzen, um ein wenig herumzustreunen. Es sollte nach Jaffa gehen, entlang der zum ESC fertig errichteten Uferpromenade ins historische Herz der Stadt. Schön wie eh und je war es diesmal auch nicht so überlaufen und so konnte ich ziemlich allein durch die Gassen der Altstadt ziehen.

Streets of Tel Aviv-Jaffa
Tel Aviv

Der weltlichen Dinge überdrüssig – nein, eigentlich war es die Hitze – ging ich in die Kirche Sankt Peter, um ein wenig zu rasten. Wow, was für eine Ruhe! Ich empfand es außerhalb gar nicht so wuselig, doch als ich auf der Kirchenbank saß, ward auf einmal komplette Stille.

„Und der Wind legte sich, und es ward eine große Stille.“

Sankt Peter (nicht Ording)

Einzig sanfte Kirchenmusik lief aus dem Kassettenrekorder. Die Kirchturmuhr schlug 14:23 und auf einmal vernahm ich Klänge von draußen, die ich in einer Kirche nicht erwartet habe. Der Muezzin rief zum Gebet. Was Jerusalem kann, kann Tel Aviv auch: Denn keine 500 Meter entfernt befindet sich eine Moschee. Leider begegnete ich auf dem Weg dorthin keine Person mit Kippa – dann hätte ich drei Weltreligionen beisammen.

Street Art in Jaffa

Nach der Enttäuschung beim letzten Mal wollte ich dem berühmten Markt in Jaffa eine erneute Chance geben. Offenbar war ich damals noch nicht bereit und es bewahrheitet sich, dass man Orte mehrmals ansteuern muss, ehe sie richtig wirken. Waren im Februar die Gassen voller Menschen, die vermeintlich unnützen Trödel anschauten und sich in überkandidelt hipsteresken Bars ein Craft Beer mit laktosefreier Milch in einem biologisch abbaubaren Pappbecher servieren ließen, wurde ich diesmal eines besseren belehrt. Es war weniger los, die Händler waren nicht mit dem Anpreisen ihrer Waren beschäftigt, sondern: Einfach nur da. Und ich konnte eintauchen.

Street Art in Tel Aviv-Jaffa
Street Art in Tel Aviv-Jaffa
Streets of Tel Aviv-Jaffa
Streets of Tel Aviv-Jaffa
Streets of Tel Aviv-Jaffa

Vom Hügel der Altstadt in Jaffa erspähte ich in unmittelbarer Nähe ein mir unbekanntes Gebäude, ein Stadion. Entweder habe ich das im Februar nicht gesehen oder sie haben die den Blick versperrenden Bäume seitdem abgeschnitten, jedenfalls musste ich dort hin. Hindurch eine Straße voller Autowerkstätten war es dann weniger spektakulär als erhofft und ich ging durch das schnucklige Viertel Neve Tzedek – wo demnächst die Tel Aviv Light Rail durchfährt – gen Heimat.

Stadion
Streets of Tel Aviv-Jaffa
Streets of Tel Aviv-Jaffa
Wohnhaus in Tel Aviv
Tel Aviv Light Rail
Bauhaus
Streets of Tel Aviv-Jaffa

Natürlich nicht, ohne einen Abstecher auf den Markt zu machen und sich mit Lebensmitteln für den Abend einzudecken. Es gibt Eier mit Frühlingszwiebeln und ein Bund Petersilie sowie frisch gepressten Granatapfelsaft. Denn die Kzizeria hat immer noch geschlossen. Was ist denn da los? Auf einen Kaffee bei Micki wollte ich für Todd gleich noch die von ihm bestellten Decaffein-Bohnen mitnehmen und so befand ich mich vollbepackt am Strand, um den nächsten Sonnenuntergang zwischen Jaffa und Tel Aviv zu erleben. Denn es gibt jeden Tag eine neue Farbe am Himmel, jedoch nach 23 Uhr kein Bier mehr.

Kzizeria
Sonnenuntergang über Jaffa
Tel Aviv-Jaffa

One Comment

  1. hippe 11. November 2019

    Hach, da ist er ja endlich, der heiß ersehnte Tagesbericht. Ich wurde wieder einmal nicht enttäuscht: alles liest sich spannend, amysant und macht Lust auf mehr.
    Die Fotos heute sprechen auch wieder für sich: mein Favorit ist das Grafitti mit dem Kind und dem Mann. Einfach nur schön.
    Schade, dass Du noch kein Glück mit Kzitzeria hattest, man fragt sich, ob Dir denn in der Umgebung niemand Infos geben kann über Deine liebe Neli. Ich drück mal beide Daumen, dass es doch noch klappt, hast ja noch ein paar Tage.
    Für morgen ganz viel Spaß beim neuen Erkunden.

    lg die hippe

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