Über das Denken der Gedanken

Lesedauer: etwa 4 Minuten

Ich komme gerade vom Strand wieder, um die rote Sonne im Meer versinken zu sehen. Ohne Capri-Fischer und noch weniger Eis. Sondern dachte nach. Über die vergangenen Tage. Über das, was noch kommt.

Um ein wenig auszuholen: Im Grunde gibt es ein einziges Schema, wie ich Städte entdecke: Ziellos durch Exploration. Das macht es spannend, um viele neue Eindrücke zu gewinnen und in kürzester Zeit den Charakter einer Stadt zu begreifen. Oder es zumindest zu glauben. Ganz anders ist es in Tel Aviv. Durch das Wissen, enorm viel Zeit zu haben, entdecke ich die Stadt häppchenweise. Dort durch die Straßen spazieren, hier stoppen, an dieser Stelle einfach kurz inne halten und den Moment genießen, da einfach mal rasten. Entschleunigung pur. Kein „Du hast nur vier Tage, da draußen gibt es sicher noch etwas, was du gesehen haben musst.“ So war ich nie, so werde ich nie sein. Wenn man in einer Stadt etwas nicht gesehen hat, dann ist es offenbar auch nicht so wichtig, gesehen zu werden.

Blick aufs Meer

Als ich heute Abend zum Carmel Market ging, um mir noch ein paar Lebensmittel zu kaufen, stellte sich auf einmal ein seltsam vertrautes Gefühl ein. Vertraute Wege, vertraute Gesichter, vertrautes Umfeld. Vorbei an diesem Geschäft, selbstsicher über die viel befahrene Straße laufen, einen kurzen Gruß per Handzeichen in diesen Laden werfen, mit vollen Einkaufstüten zurück kommen, wie selbstverständlich den Türcode eingeben. Es scheint auf einmal völlig normal, in diesem mir vor 8 Tagen noch völlig unbekannten Gebilde angekommen zu sein. Ich kann die Sprache nicht sprechen, geschweige denn lesen. Ich kenne die Kultur nicht. Und doch fühle ich mich in gewisser Weise integriert. Angekommen. Dazu mag Todd einen gehörigen Anteil beigetragen zu haben, indem er mich gleich zu anfangs seinen Homies auf dem Carmel Market bekannt machte. Doch einen großen Teil machten auch die Menschen aus, die mir vorgestellt wurden. Sie sind interessiert, wenn ich sie besuche. Sie lachen und scherzen, sie suchen trotz Sprachbarriere das Gespräch, sie lassen mich an Teilen ihres Leben teilhaben.

Vertraute Bekannte

Da gibt es Eran, den Spirituosen- und Tabakwarenverkäufer, der stillschweigend hinter seiner Ablage sitzt und noch nicht mal mehr hochguckt, wenn ich die abgezählten Schekel für Wasser, Bier und Zigaretten hinlege. Den Barista Miki, der breit lächelnd bereits die Maschine anwirft, wenn er mich um die Ecke kommen sieht. Neli von der Kzikzeria, die mir ungefragt Pfefferminztee und einen Aschenbecher hinstellt und gespannt auf die neuesten Erlebnisse wartet. Den schüchternen Handwerker Danny, der mir mit Tränen in den Augen von seinen Kindern erzählt. Und Todd, den ich beinahe täglich mit seinem Hund Bruno sehe und der sich jeden Abend erkundigt, wie es mir geht und was meine Pläne für den nächsten Tag sind. Ich lasse mittlerweile die Wohnungstür offen, während Danny im Flur dängelt und irgendwann mal meine Wohnung betreten möchte (der Wasserschaden ist noch nicht behoben) und ich auf der Terrasse sitze und arbeite.

Ein Rabe ging im Feld spazieren

Auch für meine Persönlichkeit sind diese Tage gewiss prägend. Den generell eher introvertierten Menschen bekommt man sicher nicht aus mir heraus, jedoch stelle ich fest, offener den Menschen gegenüberzutreten. Ich bin überrascht, wie schnell ich mich an ein unbekanntes Umfeld gewöhnen kann. Als Mensch, der Gewohnheiten mag, keine schlechte Erfahrung. Dazu tut die offene israelische Kultur sicher sein Übriges, persönlichkeitsprägend zu sein. Ein Beispiel: Gestern saß ich im Carmel Market und aß Kziza, Zwiebelhuhn und Gemüse, während sich neben mich eine Gruppe deutscher Touristen setzte. Als sie nicht wussten, was sie essen sollen, gab ich mich schnell als Landsmann zu erkennen, besorgte eine Gabel und ließ sie von meinen Fleischbällchen probieren. So kamen wir schnell ins Gespräch und plauderten für eine Weile. Smalltalk? Bislang für mich eher ein Krampf, aber in dieser Situation hat es sich genau richtig angefühlt.

Und die Kehrseite?

Gibt es bislang nicht. Einzig: Ich bemerke, wie schnell sich eine neue Umgebung abnutzt, normal wird. Saß ich die ersten Abende noch mit offenem Mund und Musik auf der Terrasse und lauschte den Wellen, beobachtete die landenden Flugzeuge, war überwältigt von der sich mir offenbarenden Skyline, ist das mittlerweile beinahe zur Normalität geworden. Innerhalb einer Woche. Erstaunlich. Satt sehen kann ich mich trotzdem noch nicht.

Tel Aviv Skyline

Ich habe bislang wunderbare Menschen kennengelernt, mit denen ich sonst nie ins Gespräch gekommen wäre. Auch wenn dies keinesfalls das tiefgründigere Gespräch ohne Sprachbarriere ersetzt und man den Gegenüber schon ein bißchen näher kennt.

Habe ich mich richtig entschieden? Definitiv ja! Würde ich es wieder tun? Definitiv ja! Und beim nächsten Mal würde ich noch jemanden mitnehmen, mit dem ich diese Erfahrung teilen kann.

Tel Aviv am Strand

2 Comments

  1. conny 20. Februar 2019

    Heute hast Du mich richtig gekriegt… mir standen gerade die Tränen in den Augen.
    Ein ganz wundervoller Bericht mit einer vollkommen anderen Seite von Dir. Aber gut so!

    lg die hippe

  2. […] Schlussendlich noch die allerwichtigste Erkenntnis: Wie schnell ich mich an zunächst ungewohnte Umgebungen gewöhnen kann. […]

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