Khamsin, Kzitzria und die Kunst des Klumpenformens

Lesedauer: etwa 4 Minuten

Als Geografie-mündliche-Prüfung-Abiturient hatte ich allerhand mit Welten, Wolkenbildung und Winden zu tun. So war mir der Scirocco wohl bekannt und in Erinnerung – offenbar aber nur aus dem Grund, dass das gleichnamige Auto damals ziemlich weit oben auf der „Haben-wollen-wenn-du-den-Führerschein-hast“-Liste stand. Wer hätte gedacht, dass dieser Wüstenwind knapp 19 Jahre später nochmal in mein Leben tritt, doch diesmal nicht theoretisch in Lehrbüchern, sondern in praktischer Natur. Wie praktisch.

Umgefallene Stühle auf der Terrasse

Todd prophezeite vor drei Tagen schon, dass der Khamsin oder „Sharav“ kommt, eine Form des Sciroccos. Khamsin heißt 50 und bedeutet, dass dieser etwa 50 Mal im Jahr auftritt. Einer Sage nach sollen wohl laut eines früheren islamischen Rechts in diesem Zeitraum die Gerichtskosten sinken. Warum auch immer…

Der Khamsin kommt.

Der Khamsin wirkt sich folgendermaßen aus: Tag 1 ist schwül-warm, es geht kein einziges Lüftchen, der Planet drückt. Eine wunderbare Zeit, sich die Nase zu verbrennen. Ich verbrachte diesen Tag natürlich draußen, ungeschützt, da am Vortag meine Sonnencreme ausging und am Samstag bekanntermaßen Shabbat ist. Das heißt nicht, dass man sich da nicht eincremen darf, sondern es lediglich keine Geschäfte gibt, die einem diese Ware verkaufen.

Vorteil des Khamsins: Man schont die Haut für die kommenden Tage, da man eh nicht rausgeht. Denn Tag 2 beginnt mit leichter Cirrenbewölkung und einer leichten Brise. Der Horizont ist dunstig, beinahe milchig und im Laufe des Tages ziehen Wolken auf, die dann ein interessantes Farbspiel in den Sonnenuntergang zaubern. „That’s typical. Morgen kommt dann der Regen, der den ganzen Sahara-Sand über das Mittelmeer transportiert und eine dünne staubige Schicht auf alle Oberflächen zaubert.“ sprach’s und so kam es. Nachdem es den ganzen Tag 3 recht stabil war, zog am Abend eine fette Gewitterfront über Tel Aviv und hüllte die Stadt in Starkregen und Blitzgedonner.

Stürmische See

Und so erlebe ich gerade meinen ersten Khamsin hautnah mit. Der Wind pfeift über die Terrasse, wirft Sitzmobiliar und Kissen umher, die Türen scheppern, in allen Ecken zieht und pfeift es, die Wellen toben. Ein tolles Spektakel, welches ich mir nicht nur aus der Wohnung, sondern der Nähe angucken musste. Also packte ich den Körper in warme, jedoch nur bedingt wetterfeste Kleidung und ging an den Strand. Dieser ist von etwa 50 Metern Breite auf einen schmalen Streifen von 5 Metern geschrumpft und nur die mutigsten Kitesurfer trauten sich noch in die See. Und nur die mutigsten Touristen trauen sich, den mutigen Surfern bei ihrem Spiel mit der Natur zuzuschauen. Und vergessen dabei auch die sich auftürmenden Gewitterwolken, die kurze Zeit später einen Hagelschauer über die übrig geblieben Menschen ergießen.

Windig
Jaffa

Pitschnaß und durchlöchert von den Hagelperlen erreichte ich mit Müh und Not den Hof Carmel Market, um mir noch ein Mahl für den Abend zu besorgen. Von weitem sah ich schon, dass die Kzitzria nichts mehr auf der Herdplatte hatte, also ging ich weiter und entdeckte um die Ecke Neli, wie sie gerade Hackbällchen für den nächsten Tag formte. „Neli, what’s going on? I’m hungry!“ wurde mit einem „Hey Markus, come here. I make you a tea, you look frozen.“ entgegnet. Offenbar erregte mein nasses Antlitz Mitleid und so ging ich hinter den Gemüsestand in die Zubereitungsküche. Während sie weiterhin Hackbällchen formte, kamen wir ins Gespräch über unsere Familien, die Arbeitsmarktsituation in Israel, Schmetterlingsfarmen und ich lernte, dass Granatäpfel 312 Kerne haben. Nun ja, ganz so ist es wohl nicht. Aber ich wollte nicht dazwischengrätschen.

Ich pflücke Blumen

Zwischenzeitlich vergaß sie, dass sie mir ja Tee machen wollte, also wurden die Gummihandschuhe ausgezogen und Zutaten dafür gesucht. Glücklicherweise waren wir bereits auf einem Markt und dort gab es überraschenderweise auch die entsprechenden Kräuter hierfür: Salbei, Thymian und Melisse wurden mit ihrem kurz zuvor einstudierten „Ich pflücke Blumen“ gekauft.

Irgendwie wollte ich mich für diese Gastfreundschaft erkenntlich zeigen, also nahm ich mir ein paar dieser Gummihandschuhe und fand mich kurzerhand ebenfalls fleischbällchenformend vor dem Hacktrog, während um uns herum die Stände immer leerer und dunkler wurden.

Kzitzria
Kzitzria

Irgendwann waren wir der einzig erleuchtete Stand und nahmen das zum Anlass, laut Musik aufzudrehen. Schließlich hatten wir vorher unsere beiderseitige Affinität zu den 80ern entdeckt. Ja, die 80er sind weltumspannend generationsübergreifend: Neli als Kind der frühen 70er, ich als Kind der 80er. So schepperte laut „Such a shame“ und „It’s my life“ als Tribut zum kürzlich verstorbenen Talk Talk-Sänger Mark Hollis über den Markt und manch vorbeilaufender Tourist konnte sich ein Lächeln und anerkennendes Nicken nicht verkneifen.

Neli wäre nicht Neli, würde sie sich nicht um mein leibliches Wohl kümmern. Also nahm sie eine Handvoll meiner vorher mühsam geformten Bällchen, warf nochmal die Herdplatte an und bereitete mir flugs einen Teller mit Buletten und Gemüse zu. Dazu ein Bier auf’s Haus und zum Nachtisch frisch stibitzte Mandarinen vom Nachbargemüsestand.

Erkenntnis des Tages: Wenn’s also nix wird mit der Karriere in Deutschland werde ich eben Bulettenbrater in der Kzitzria. Ist doch auch schön.

Kzitzria
Kzitzria

2 Comments

  1. conny 1. März 2019

    Schön…. wunderschön…. am wunderschönsten sind die zu Berge stehenden Haare…
    Ich liebe es einfach, Deine herzerfrischenden Berichte zu lesen und denke, diese Zeit bekommt Dir und Deinem Ego unheimlich gut. Und Dank der »mütterlichen« Fürsorge musst Du auch an einem Shabbat nicht hungern. Dank in unserem Namen auch an Neli, die Dich so wunderbar versorgt.

    lg die hippe

  2. […] bezahlt. Wenn die Sonne im Meer versinkt und den Himmel orange färbt. Die Windböen, die mit dem Chamsin die Stadt mit Sand überziehen. Das Knirschen unter den Füßen und in den Zähnen, sobald man den […]

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