Es müsste immer Musik da sein: Hallo Warschau!

Lesedauer: etwa 10 Minuten

Freitag, 5:30 Uhr. Der Wecker schellt. „Was ist denn nun schon wieder los?“ denke ich mir und will wieder ins Lummerland verschwinden. Doch augenblicklich bin ich im Irdschen und entsinne mich. Warschau calling! Denn im Anflug einer Euphorie im Zuge meiner Ode an das Reisen durch Europa habe ich mir kurzerhand ein Ticket in die polnische Hauptstadt gekauft – und diesmal dient ganz umweltbewusst der Zug als Fortbewegungsmittel.

Also raus aus den Federn, Wasser und etwas schaumbildende Paste ins Gesicht geschmissen, ein paar lebenswichtige Sachen in eine Tasche gepackt und ab in den Berlin-Warschau-Express, der mich in etwas mehr als sechs Stunden durch den Brandenburger Morgennebel gen Osten gondelt. Pünktlich nach der deutsch-polnischen Grenze funktionierte endlich auch das WLAN an Bord.

Rock the Warsaw

Die Einfahrt nach Warschau gleicht jedes Mal die eines Culture Clashs. Man fährt sechs Stunden durch die brandenburgische und polnische Einöde, lediglich unterbrochen durch das Kleinod Posen, welches den Anschein vermittelt, dass es zwischen Berlin und Warschau doch noch so etwas wie Zivilisation gibt. Der Autobahnring macht den Auftakt. Die Landschaft wechselt von grün zu grau, zwischendrin noch ein vorgärtnerischer Hauch von Vorstadtflair. Es kommen die Outlet Stores. Das Straßennnetz wird dichter. Vereinzelte Bauernhöfe werden durch moderne Vorstadtvillen getauscht. Das Leben neben den Gleisen wird von Raps und Kuh zu Rap und Cool – Entschuldigung! Allmählich beginnt die Urbanität und von weitem erkenne ich schon die Wolkenkratzer, die Warschau als eine der „höchsten Städte Europas“ machen.

Auf dem Weg nach Warschau

Ich komme aus dem Bahnhof. Ein Geruch aus frisch gemähtem Gras und Rohrkuchen umgibt meine Nase und ich bin sofort wieder drin. Im Sog der Metropole. Es ist mein mittlerweile vierter Besuch. So ging es dann auch ziemlich zielstrebig zu meinem Airbnb-Apartment, welches sich unweit der Synagoge – also etwa 15 Minuten Fußmarsch – befand.

Von Anna habe ich vorab Informationen erhalten, wie sich der Check-in gestaltet. Türcode, Briefkastencode, Schlüssel herausfischen, 9. Stock. Dummerweise gibt es in dem Haus zwei Flügel mit jeweils gefühlt 500 Wohneinheiten, verteilt auf 15 Etagen. Murphy’s Gesetz folgend habe ich die falsche Seite erwischt, bin in die 9. Etage gefahren und sehe die Apartments 970–920. Da mir aufgetragen wurde, die 901 zu beziehen ging es also wieder treppab, um im Ostflügel erneut hinaufzufahren. 901. Hallo. Eine kleine schnieke Wohnung mit Blick über den Westteil der Stadt und direkter Nachbarschaft des modernen Viertels Mirów mit seinen Wolkenkratzern, die im Laufe der letzten Jahre entstanden sind.

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Überall ist Musik

Mit Chopin im Ohr war der erste Gang gen Altstadt und ich erinnere mich, was den Flair der Stare Miasto neben den wunderbar wiedererrichteten Häusern und Gassen so ausmacht: Allerorten wird Musik gespielt. Aus den Geschäften und Restaurants dringt seichte Klassik, auf dem Altmarktplatz spielt eine Jazzband vom Balkon auf, an den Straßenecken wird das Akkordeon in der Hoffnung auf ein paar Zloty gequält. Am zentralen Platz mit der Sigmundsäule fechtet die „Ode an die Freude“ mit indianischer Panflötenfolklore ein auditives Battle aus und in der Seitengasse dreht der Leiermann „Chi Mai“.

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Ich laufe an einer der vielen Kirchen vorbei und beschließe, in eine hineinzugehen. Ruhe!

Die unterbrach kurz mein Magen, der feststellte, dass die letzte Mahlzeit morgens im Zug war. (Die Butterbrezn mit Schnittlauch von Ditsch sind übrigens sehr zu empfehlen!) Auf dem Weg zum Restaurant meiner Wahl kam ich an einer der berühmten Milchbars vorbei und änderte meinen Plan. Das einzige, was ich auf der ziemlich umfangreichen und zudem handschriftlichen Karte verstand war Pierogi, Borszcz und Zurek. Letzteres hatte ich in schlechter Erinnerung und so bestellte ich bei dem Mütterchen die ersten beiden Gerichte – und habe es auch irgendwie geschafft, ihr zu vermitteln, dass die Pierogi-Füllung gern mit Hack sein kann. So kam es dann auch und mein Tablett wurde mit den korrekten Speisen befüllt.

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Auf der Mauer, auf der Lauer wurde verbotenerweise – es ist in Polen untersagt, in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken – noch ein Dosenbier vertilgt und so kam ich in den Genuss, sowohl den Sonnenauf- und den Sonnenuntergang an einem Tag an unterschiedlichen Orten erleben zu dürfen.

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Eine Potpourri der Vielfalt

Vielfalt stand am nächsten Tag auf dem Programm. Ich wollte eine große Runde durch Praga drehen, dem alternativen Stadtteil am östlichen Weichselufer. Ein früheres klassisches Arbeiterviertel mit vielen Fabriken, einfacher Architektur und in der Geschichte oft zerstört auf dem Weg der Besatzer in Richtung „richtiges“ Warschau. Mittlerweile hat es sich gemausert und wird zunehmend zu einem attraktiven Standort für die Kunst-, Studenten- und Ich-probier-mich-aus-Szene. Doch es kam ein bißchen anders.

Denn mein Weg kreuzte eine Demonstration. Und nicht irgendeine. Tausende Menschen haben sich mit Polen- und Europaflaggen auf den Weg gemacht, um für ein geeintes Europa zu demonstrieren und sich gegen die Ansichten der rechtspopulistischen und europaskeptischen PiS zu stellen. Da konnte ich natürlich nicht einfach weitergehen und fand mich kurzerhand ebenfalls im Pulk der Fahnen, Skandierungen und Trillerpfeifen wieder.

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Am plac Konstytucji war dann Schluss und ich folgte wieder meinem eigentlichen Plan, Praga zu besuchen. Hinüber aufs andere Weichselufer und ich bekam Antwort, warum halb Warschau mit Polen-Schals um den Hals herumlief, obwohl sie offenbar nicht bei der Demo waren. Es war der Speedway Grand Prix of Poland zu Gast im Nationalstadion und davor gaben sich der Motorsportpöbel und aufgebrezelte Hostessen ein Stelldichein. Geschenkt.

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Praga

Endlich in Praga angekommen offenbarte sich das von mir erwartete Bild. Es gibt zwar noch zahlreiche ursprüngliche Ecken, doch man spürt den Aufbruch des Stadtteils. War vor ein paar Jahren das Neon Museum bzw. der Ausbau der Soho Factory noch etwas einzigartiges, kamen im Laufe der Zeit immer mehr Kunst, Kultur und Klubs und damit einhergehend auch städtebauliche Aufwertungen hinzu.

Das zeigt sich unter anderem an zahlreichen Touristengruppen, deren Guide einen Schirm mit der Aufschrift „Alternative Warsaw“ trägt und die in einer der zahlreichen Hipsterkneipen auf Holzpaletten sitzen und Craft Beer süffeln. Höhepunkt dessen ist die alte WodkafabrikKoneser“, die in den letzten Jahren zu einem alternativen Kulturzentrum mit integriertem Büro-, Wohn- und Einkaufskomplex umgebaut wurde. Und selbstverständlich fand gerade das sogenannte Slow Festival statt. Mit Quinoaavocadospinat-Smoothies, 520 Stunden bei 43°C gegartem Pulled Pork sowie handgemolkenes Craft Beer aus handgezupften Hopfendolden und massiertem Gerstenmalz mit feinster Ananasnote. Aber ansonsten sah es ganz schnucklig dort aus.

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Der weltlichen Welt überdrüssig

Drüssig der weltlichen Dinge beschloss ich, das Heil in der Spiritualität zu finden und suchte die Michaelsbasilika auf. Vielleicht war dies aber auch einfach nur ein dankbarer kühler Platz zur kurzen Rast – schließlich standen bereits 12 Kilometer auf dem Tagestacho. Doch der Tag der Vielfalt bot erneut eine Kuriositätensüßigkeit in seiner Bonbonniere: Die Kirchenbänke waren festlich geschmückt, eine Hochzeit stand an. Dies habe ich bereits in Vilnius erlebt und wollte nun der nächsten Vermählung beiwohnen.

Ich kenne die Gepflogenheiten einer Trauung nicht und so setzte mich zurückhaltend in die vorletzte Reihe und harrte. Und wieder erklingt Musik. Diesmal die Cello Suite No. 1 von Bach, die live gespielt genauso stressig ist wie jedes Mal, wenn diese in meiner Klassik-Playlist auf Spotify läuft. Während Bachs Gefolge das Cello strich, striff mein Blick über die Kirchenbänke. Und ich frage mich immer noch, warum um alles in der Welt dieser eine Strauß DORT so asymmetrisch angebracht wurde? Jede zweite Bank hatte einen Strauß, nur diese nicht?! Einzige Erklärung: Von hinten gesehen wäre es die 13. Bank gewesen, an der der Strauß befestigt wurde. Jedoch war die Symmetrie auf den gegenüberliegenden Kirchenbänken vorhanden. Der Monk in mir ging fragend vondannen.

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Geschichtliche Gedanken

Wieder zurück auf der linken Weichselseite machte ich noch einen kurzen Streifzug durch „mein“ Viertel Mirów, hole mir Dosenbier und setze mich auf den plac Grzybowski neben die letzte erhaltene Häuserzeile des Warschauer Ghettos. Und denke darüber nach, wie die bewegende Geschichte der Stadt immer mehr aus dem Stadtbild verschwindet. Dort ein Mauerrest, da ein (eindrucksvolles) Museum, hier auf dem Boden eingelassen die alten Grenzmauern des Ghettos oder früherer Gleise, die die Menschen ab- oder antransportierten.

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„Gegen das Vergessen“ trifft auf „Es muss weiter gehen“.

Und das finde ich bedauerlich. Bei einem meiner letzten Besuche waren die zugegebenermaßen ziemlich heruntergekommenen Gemäuer in der Ulica Prozna noch umhüllt mit Bildern aus der Zeit, die erinnern sollten. Mittlerweile ist nur noch ein Gebäuderiegel eingehüllt, um Passanten vor herunterfallenden Gebäudeteilen zu schützen. Und das einzige, was die eindrucksvolle Geschichte des Hauses vermuten lässt ist eine schnöde „Denkmalgeschützt-Plakette“.

Keine Gedenktafel, keine Bilder, keine Erinnerung. Es könnte eines von vielen verfallenen Häuser der Stadt sein. Die anderen Häuser der Straße sind in den letzten Jahren saniert worden und beherbergen mittlerweile hochpreisige Restaurants, Cafés oder Büros. Von außen erinnert nichts an ihre Geschichte. Es könnte eines von vielen hübsch sanierten Häusern der Stadt sein. Ja, es muss weitergehen. Dennoch fühlt es sich komisch an, durch Straßen zu streifen, die das Gegen das Vergessen vergessen machen.

Und wieder stellt sich ein Gefühl der Dankbarkeit ein, all diese Eindrücke und Gedanken in (für mich) friedlichen Zeiten voller Freiheit erleben zu dürfen!

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Und dann kam Polly.

Am letzten Tag musste ich bereits um 11 Uhr auschecken, der Zug fuhr 15:45. Wat machste nun? Mit meinem Gepäck wollte ich nicht ewig durch die Stadt tingeln und so setzte ich mich wieder auf den nahegelegenen plac Grzybowski und beobachtete das Treiben. Es war 12 durch, die ersten Gäste der Mittagsandacht verließen die Allerheiligenkirche und ich dachte: „Guckste mal rein, die Kirche hast du ja noch nicht von innen gesehen.“ Als ich dann so saß und guckte, füllte sich der Raum abermals und immer mehr Menschen strömten hinein. Eine Flucht schien unmöglich und so ließ ich es geschehen. Hinreichend Zeit war vorhanden, wann kommt man schon mal in den Genuss einer polnischen Predigt?

Und warum drehen sich die Leute zu mir um, fragte ich mich. Doch sie drehten sich nicht zu mir um, sondern zum Taufpaar, welches im Kircheneingang stand. Ich erlebte meine erste Taufe und dann auch noch auf polnisch! Zum Glück saß ich wieder in der vorletzten Reihe und konnte von meinen Mittäufern Mittaufbesuchern abgucken, wie die Regeln sind. Aufstehen, hinsetzen. Nur beim Mitmurmeln des polnischen Vaterunsers war ich nicht ganz textsicher und wurde zudem eines bösen Blickes bedacht, als ich mich danach nicht kreuzigte. Doch das machte ich wieder wett, indem ich zwei Zloty in die Kollekte warf. Hoffentlich. Und so bin ich jetzt auch Taufpate der kleinen Polly. Zumindest im weitesten Sinne.

Loving you is a losing thing

Man kann diese Stadt nur mögen, ist sie doch so vielfältig, so voller Geschichte und Geschichten. Der herrschaftliche Königsweg als eine der längsten Repräsentationsstraßen der Welt mit seinen prachtvollen Bauten zu beiden Seiten. Der allgegenwärtige Chopin – so liegt u.a. sein Herz in der Heiligkreuzkirche –, dem ganze Parks und Kulturhighlights gewidmet werden. Die alten Mauerreste des einstigen Ghettos, die allmählich im langen Schatten der hochgezogenen Wolkenkratzer verschwinden. Die wiederaufgebaute Altstadt, deren Glanz nicht daran erinnert, erst in den 50ern komplett aus den Trümmern der Zerstörung Warschaus entstanden zu sein und demnach als die jüngste Altstadt Europas gilt. Der Realsozialismus der Nachkriegszeit mit seinen Prachtbauten und kandelaberumsäumten Magistralen. Die großen und kleinen Zeugen der Zeit.

Überall spürt man Geschichte. Die mondäne Nowy Świat, das ursprüngliche und mittlerweile alternative Praga, das sozialistische Śródmieście Południowe, das moderne Mirów. All das sind Gründe, warum ich mittlerweile zum vierten Mal die Stadt besuchte. Und wieder tun werde.

Warschau
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Und über allem steht der „Stalinfinger“, über den der Warschauer immer noch den Mantel der Ignoranz hüllt. Trotz seiner unrühmlichen Geschichte ist es aber immer noch das schönste Bauwerk Warschaus – wahrscheinlich ist das arg subjektiv, weil es das erste ist, was man sieht, wenn man den Hauptbahnhof verlässt und sich sofort wieder zu Hause fühlt.

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One Comment

  1. conny 21. Mai 2019

    Ein bissle Wehmut über das viele neu Geschaffene lese ich heraus.. Aber gut, Du kannst dies nach den vielen Besuchen dort gut beurteilen.
    Eine lange, aber trotzdem sehr kurzweilige »Geschichte«. und die Fotos sprechen natürlich auch wieder voll für sich. Ein absolutes Highlight in diese Richtung ist für mich dabei: das über dem grünen, angestrahlten Haus, der Hammer!

    lg die hippe

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