Ein junger Bogart hängt dir an den Lippen

Lesedauer: etwa 4 Minuten

Das digitale Nomadentum hat große Vorteile: Man kann zeit- und vor allem ortsunabhängig arbeiten. Also buchte ich mir nach Monaten des Verzichts wieder eine Reise. Es geht in die Hauptstadt des Lands in Form eines Koteletts. In die Stadt, in der Milch und Honig fließen. Das Eiland von Hochkultur und Genuss. In die Stadt, die ihre Käsekrainer zum „ehebaldigsten Verzehr“ etikettieren. Wo banale Stullen hochdekorativ präsentiert werden und selbst Müllverbrennungsanlagen schön sind. Wo Maria plötzlich Marilyn heißt, und Eva heißt Yvonne. Ein junger Bogart hängt dir an den Lippen. Kleines, und sagt komm. Vienna Calling.

Wie es die Zeiten mit sich bringen, wurde als Transportmittel der Zug gewählt, der mich mit 287 km/h durch die niederbayerische Heide zu einem Zwischenstopp bei einem Freund in München brachte. Da gerade keine Wiesn ist und auch ansonsten relativ wenige Touristen in der Stadt sind, konnte ich entspannt in die bajuwarische Lebensart eintauchen, genoss ein paar Halbe und kam zum Highlight des an Highlights nicht gerade reichen Jahres: Münchner Schnitzel, ein Kalbsschnitzel mit einer Panade aus Brezenbröseln und frischem Meerrettich. Eine Offenbarung! Und konnte auch der Stimmung keinen Abbruch tun, dass der Münchner offenbar spätestens 22 Uhr die Schotten dicht macht und den inoffiziellen Zapfenstreich ausruft. Denn dafür fängt er halt auch schon morgens an mit dem Biertrinken, worauf an dieser Stelle aber nicht näher eingegangen wird.

Theresienwiese
Theresienwiese
Könnte auch als Tempelhofer Feld durchgehen: Die Theresienwiese

Off to Vienna

Vorbei an Almen, Wiesen, sündigen Wanderern im Unterholz, immer am Fuße der Alpen entlang, die sich majestätisch aus dem oberbayrischen Flachland erheben ging meine Reise am nächsten Tag also gen Wien.

Nach Bezug meines dekadenten Anwesens – es gibt ein Waschbecken auf dem Hausflur, ein Bretterl für die Waschküchen-Einteilung sowie noch einmal innenliegende Anläutelemente – brach ich auf, meinen Kiez zu erkunden.

Das Fasanviertel ist nicht nur geprägt von seinen ruhigen Straßen, Genossenschaftswohnungen und unscheinbaren Kunst- und Kultureinrichtungen, sondern auch von einem der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, dem Schloss Belvedere. Und so befand ich mich auf einmal im Botanischen Garten, der in unmittelbarer Nähe an das Schlossareal angrenzt und weiß nun alles über die Arten der Pannonischen Florenprovinzen, Baumpfeifenwinden und winterharten Dreilappigen Papaus.

Botanischer Garten
Belvedere
Belvedere

Nach so viel botanischem Input ließ ich die belvedersche Hochkultur links liegen und begab mich nach dem obligatorischen Panoramafoto ohne erkennenswerten Plan Richtung Karlsplatz. Schließlich war mir noch in Erinnerung geblieben, dass es dort Wurst und Bier in wunderschöner Umgebung gab. Der Würstchenstand wurde offenbar wegrationalisiert, also musste der Hunger mit Getränken bekämpft werden. Das habt ihr nun davon!

Wie ich so saß, am Bier nippte und die tolle Kulisse der Karlskirche mit seinem vorliegenden Wasserbecken genoß, wähnte ich mich kurz anderthalb Jahre zurückversetzt. Denn ich sagte mir die gleichen Worte wie damals: „Das ist nun deine Heimat für die nächsten Wochen“. Mit genau dem gleichen Grinsen im Gesicht.

Karlsplatz, Wien

Dancing Wien

Es wurde dunkler und dunkler, die Jugend der Stadt versammelte sich mehr und mehr auf dem Platz. Eine Geräusch-Melange aus akzentuiertem Wiener Schmäh, Flaschengeklirre und dem Zirpen der Grillen machte sich breit und es erschien alles normal. Bis auf einmal ein Bus vorfuhr, auf dem glitterbuntgekleidete hochtoupierte Musiker laut „It’s raining men“, „Dancing Queen“ oder „I’m coming out“ intonierten. Denn aufgrund der Krise musste logischerweise auch das Donauinselfest in seiner klassischen Form abgesagt werden. Also beschlossen die Veranstalter, eine #dif20 Sommertour durchzuführen, in der in 80 Tagen ein Tourbus durch die Stadt fährt und das Publikum mit Popup-Konzerten unterhält. Mit dem nötigen Abstand wurde ein wenig geschunkelt und auch ich erwischte mich dabei, den kleinen Zeh bewegt zu haben.

Karlsplatz, Wien
Karlsplatz, Wien

Nach einer Stunde war der Zauber vorüber und so bog der Abend langsam in die Zielgerade ein. Ein wunderbarer Auftakt in zwei Wochen Abenteuer in dieser wunderschönen Stadt. Daher wird es also in den nächsten Tagen vermehrt Wien-Content geben. Holten’s sich fest und holen’s sich a Kracherl. Und ich google jetzt, was das Pärchen neben mir meinte, als sie von einer „zuckersüßen Verbührung“ (sic!) sprachen.

P.S. Nach der Wiederkehr in mein Anwesen wurde ich begrüßt mit einem Kammerkonzert eines durchaus talentierten Geigers Streichinstrumentenspielers, der die Mitternachtsstunde nutzte, um seiner Passion zu frönen. Doch hören Sie selbst.

One Comment

  1. Hippe 15. September 2020

    Cool.. macht wieder einmal Lust auf mehr und erneut den Hinweis und die bitte, die ganzen liebenswerten Geschichten, egal von welchem Fleckchen der Erde, evtl.ganz individuell für die “ollen” “greifbar” zu machen.. irgendwann..
    Ich würde mich freuen..

    LG die hippe

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