5 Gründe, warum Marseille nicht »meine« Stadt ist. Oder vielleicht doch.

Ich verbrachte diese Woche ein paar Tage in Marseille. Und was hat man nicht schon alles von dieser Stadt gehört: »Klein-Paris«, »Perle des Mittelmeers«, »Schmelztiegel der Kulturen«. Also buchte ich einen günstigen Flug und eine zentral gelegene Airbnb-Wohnung wenige Minuten entfernt von dem zentralen Ort, dem Vieux Port. Da ich mich traditionsgemäß wenig auf die Orte vorbereite, die ich besuche, ging es also gleich nach der Ankunft auf Erkundungstour, bei 35° Celsius – es konnte schließlich niemand ahnen, dass es im Sommer an der Mittelmeerküste warm würde.

Nach etwa zwei Stunden machte sich eine erste Ernüchterung breit: Wo ist denn diese Perle? Und wo ist denn diese typische Mittelmeeratmosphäre mit Fischern, lauschigen Bars und der Flaniermeile am Wasser? Vielmehr fand ich gehetzte Menschen, leere Cafés und Sicherheitspersonal in martialischen Outfits und Maschinengewehren vor. Ich war offenbar in einem anderen Marseille gelandet, als es landläufig kolportiert wird.

Warum ich nie so richtig warm mit dieser Stadt wurde und was sie dennoch äußerst reizvoll macht, möchte ich kurz schildern.

5 ganz subjektive Gründe, warum Marseille nicht »meine« Stadt ist

1. Es gibt so gut wie keine Parks oder öffentliche Ruhezonen
Auf meinen Streifzügen durch die Stadt – insgesamt waren es täglich um die 14 Kilometer – fand ich erstaunlich wenige Grünanlagen, öffentliche Ruhezonen oder einfach nur normale Sitzmöglichkeiten.

Marseille, France

2. Sicherheitspersonal allerorten
Wir scheinen in Zeiten des Terrors zu leben und Marseille hat auch mit viel illegaler Einwanderung und sozialen Problemen zu kämpfen, aber dass man beim Betreten eines Einkaufszentrums durchsucht wird, war mir auch neu. Es mag für den Einzelnen Sicherheit hervorrufen; bei mir erzeugt es eher Unbehagen, wenn auf den Straßen Menschen in Militäruniform und scharfen Maschinengewehren herumlaufen.

Marseille, France

3. Man wird überall angesprochen
Als Reisender bleibt es nicht aus, dass man sich mit seiner Dose Bier eine der wenig vorhandenen Sitzmöglichkeiten sucht und dort verweilt, um die Eindrücke zu genießen. Leider geschieht dies nicht immer unbemerkt und so kam es häufig vor, dass man das Gespräch mit mir suchte. Das ist exzellent, um das eingerostete Schulfranzösisch wieder aufzupeppen und jetzt weiß ich auch, dass Christine von der Feuerwehr nach drei Übernachtungen in einem Keller einer Bar wegen Schnarchens herausgeholt wurde und dass Karim eine Freundin in Kairo hat. Aber so richtig interessiert hat mich das eigentlich nicht. Wahrscheinlich unterscheidet sich hier die Berliner »Lass mich in Ruhe«-Mentalität von der Marseiller gehörig.

Marseille, France

Marseille, France

4. Die exzellente Wasserlage wird nicht ausgenutzt
Dass Marseille am Wasser liegt, ist allseits bekannt. Und so ist man es von anderen ähnlich gesegneten Städten gewohnt, dass sich diese dem Wasser öffnen. Es muss nicht gleich einen pompöser Stadtstrand wie in Barcelona sein, aber eine klitzekleine Promenade wäre schön gewesen. Um das Musée des Civilisations d‹Europe et de Méditerranée wurde so eine Errichtung in Angriff genommen, aber bis auf eine karge Betonwüste mit liebloser Bepflanzung konnte ich nicht viel ausmachen. Im Westen der Stadt gibt es mit der »Anse des Catalans« einen schnuckligen Strand, der fußläufig erreichbar ist.

Marseille, France

Marseille, France

5. Kühle Atmosphäre
Man merkt, dass sich die Stadt als klassische Hafenstadt mit seinen raumgreifenden Anlagen neu orientiert und freie Flächen mit touristischen Anziehungspunkten nutzt. So entstand u.a. anlässlich der Ernennung Marseilles als Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2013 auf einer künstlichen Halbinsel am Ausläufer des alten Hafens die Promenade Robert Laffond und das besagte Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers. Diese lässt jedoch trotz der Zeit, die seit der Eröffnung vergangen ist, jeglichen Charme vermissen. Die Promenade ist karg, wirkt kühl und es fehlt an dem typischen Gewusel mit Cafés, Bars und Händlern, was man an so einem Ort erwarten würde. Ähnlich verhält es sich rund um die Cathédrale La Major.

Marseille, France

Marseille, France

Marseille, France

Marseille, France

Doch allem zum Trotz gibt es zahlreiche Gründe, warum ich mich dort trotzdem wohl gefühlt habe.

5 ganz subjektive Gründe, warum ich Marseille doch irgendwie mag

1. Le Quartier des Créateurs
Rund um Cours Julien gibt es ein wunderbares Künstlerviertel mit einem pittoresken Platz, der auch wirklich zum Verweilen einlädt (wenn man nicht angesprochen wird). Zahlreiche Bars und kleine Geschäfte säumen den Platz, kleine Arkaden runden es ab und endlich kommt auch sowas wie gemütliches Großstadtgewusel auf.

Marseille, France

2. Street Art
Mir war nicht bewusst, dass Marseille eine recht große Street Art-Szene hat, die sich offenbar aus seiner Geschichte als europäische Hip Hop-Hauptstadt speist. Jedenfalls gibt es an zahlreichen Fassaden wunderbare Kunst zu bestaunen.

Marseille, France

Marseille, France

Marseille, France

3. Le Panier
Nördlich des alten Hafens erstreckt sich im zweiten Arrondissement das Viertel Le Panier, der historische Kern der Stadt. Dort finden sich enge Gassen, authentische Boutiquen und Kunstläden sowie ein paar schnucklige Cafés.

Marseille, France

Marseille

4. Notre-Dame de la Garde
Dass Marseille hügelig ist, merkt man spätestens, wenn man sich auf den Weg zur Notre-Dame de la Garde macht (erst recht, wenn man, wie ich, vorher am Stade Vélodrome war). Doch der Blick lohnt jeden Schritt und so hat man von dort oben einen fantastischen Blick über die gesamte Stadt. Und begreift spätestens von dort die Enge in den Straßen.

Marseille

Marseille

Marseille

Marseille, France

5. Die französische Architektur
Gerade die Prachtstraßen La Canebière und die Boulevards Dugommier und Garibaldi haben das »Klein-Paris«-Gefühl aufleben lassen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass sie Weltruhm besitzen und als Symbol für Marseille gelten.

Wie es in der Nachbetrachtung immer so ist, ist nicht alles schlecht gewesen. Würde ich nochmal hinfahren? Ja, allerdings zu einer anderen Jahreszeit und diesmal ohne die Abstecher zu den enttäuschenden Orten. Ich mag dich trotzdem, du rauhe Stadt an der Cote d‹Azur. ❤

2 Comments

  1. Claudi 4. August 2017

    Wirklich großartige Bilder und ein lesenswerter Artikel dazu. Danke für den spannenden Einblick

  2. Alexander Schaaf 5. August 2017

    Lieber Markus super Beitrag und schade das ich es doch nicht mehr geschafft habe ein paar Tips zu geben…Zu deinem Beitrag fällt mir auch ein, dass man sich schon ein wenig mit dem Land und seinen Gepflogenheiten auseinandersetzen muss eben UM zu verstehen warum es so ist wie es ist.

    In Frankreich gehört zum Straßenbild seit 30 Jahren die bewaffnete Polizei – die fehlenden Parks kommen von der Bebauung die ungefähr 500 Jahre alt ist und die Städte historisch aus Ihrem Kern gewachsen sind und sehr dicht bebaut. Berlin und viele Städte aus dem Osten kennen das nicht – weil Sie alle im zweiten Weltkkrieg zerstört wurden und danach die Parks angelegt…

    Berlins Bebauung und die Parks sind die meisten nach dem zweiten Weltkrieg angelegt worden…

    Und zu guter letzt war Marseille von den Deutschen im zweiten Weltkrieg als Überseehafen nach Afrika genutzt worden und dort sind eben auch Bomben gefallen, von daher eben auch die Mischung aus sehr schönen Gegenden und weniger schönen – kennen wir ja aus Berlin.

    Und zu guter letzt die Hitze – im Sommer teilweise über 40 Grad sehr heftig…

    Ich könnte Noch so viel mehr erzählen aber ich stimme Dir zu Marseille ist eine Stadt die man liebt oder eher meidet. Ich habe die Stadt, gerade als Alternative zu Paris in mein Herz geschlossen gerade weil Sie so ein wenig untypisch ist und ich finde vieles mit Berlin gemeinsam hat…

    Viele Grüße und die Bilder sind einfach nur TOP!

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